Affective Relation and Relationality in Romance Literatures and Cultures

 “Beziehungsweise(n) – Affektive Relationen und Relationalität in den romanischen Kulturen”

Der Werbeslogan der Dating-Site Parship „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single…“ kann als das affektive Mantra einer Generation von digital nativesund auch immigrantsverstanden werden, das sie anspornt, auf tindrgrindrund Co medial in Beziehungen variierender Dauer zu treten; es kann auch als modus vivendieiner digitalen Ära begriffen werden.

Ausgehend von dieser Beobachtung scheint es, dass die mediale Entfaltung und Repräsentation der eigenen Persönlichkeit immer mehr ins Zentrum des Alltags rückt und networking als Lebensweise zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ein Paradigma der Bezüglichkeit(en), der Arbeit an und für Beziehungen (Relationen) und der Verwiesenheit (Relationalität) des Selbst auf Andere kann in diesem Sinne als bestimmend für die Mediennutzung der 2010er Jahre herausgestellt werden. Im Dossier Beziehungsweise(n) – Affektive Relationen und Relationalität soll das medial gespeicherte, prozedurale und in Medien repräsentierte Wissen affektiven Zu-Einander-In-Beziehung-Setzensfür die Literatur und Medienkultur der Romania aus einer transdiziplinären kulturwissenschaftlichen Perspektive sowohl historisch als auch systematisch untersucht werden.

Affekte und ihre performativen Effekte sind in den letzten Jahren, den sogenannten performativeund affectiveturns folgend, zu einem intensiv beforschten Thema der Literatur-, Medien- und Kulturwissenschaften geworden. Als ein besonders relevanter Aspekt kristallisiert sich für dieses Feld ein Verständnis von Affekt als historisch konstituiertes und medial vermitteltes Scharnier nicht nur zwischen Sozialem und Subjektivem heraus – als Modulation des Sozialen im kulturellen Artefakt, das sich zwischen Produktion und Rezeption verorten lässt –, sondern auch als eine sozial- und ästhetisch-relationale Bewegung. Dies wirft eine Reihe literatur-, medien- und kulturwissenschaftlich relevanter Fragen zur Funktionsweise und Kommodifizierung von Affekten, zur (De‑)Legitimierung bzw. Normierung von Relationen oder auch von medialen Tropen und structures of feelingsauf, die soziohistorisch konstituiert sind und bis in die mediale Produktion der Gegenwart nachwirken.

Mithilfe der Denkfigur der Beziehungsweise(n)soll ein Ausgangspunkt für die Beschreibung und Theoretisierung jener Relationen und Relationalitäten in ihren soziokulturellen, historischen und gegenwärtigen Dynamiken, aber auch in ihrer ästhetisch modellierten Performativität gefunden werden. Ziel des Dossiers ist es, eine Ästhetik und soziokulturelle Praxis der „Beziehungsweise(n)“ zu denken, die nicht nur im Verhältnis der Medien zueinander, in der Verbundenheit intramedial agierender personae und mit den Rezipient*innen besteht, sondern die sich auch in den Lebensweisen der Rezipient*innen selbst widerspiegelt und sich somit auf ihr affektives Handlungswissen auswirkt.

Einerseits stehen Repräsentationen dieses Affektwissens über Zusammenleben und Zusammengehörigkeit im Fokus der Betrachtung. Es manifestiert sich in den verschiedensten Medien in Form einer Ästhetik, die zum einen die Wahrnehmung von Beziehungen und der in ihnen verarbeiteten Affekte zugleich repräsentiert und steuert, zum anderen jedoch auch deren je spezifische Machart und Tradierungsweise zur Anschauung bringt. Gerade Medien in ihrer digitalisierten (Weiter-)Entwicklung transferieren konventionelle Formen der Fremd- und Selbstbezüglichkeit, des Austauschs zwischen Subjekten und Objekten in neue Räume und Dispositive, deren Funktionsweisen es auszuloten gilt.

Andererseits fordern die Ästhetiken relationalen Wissens in ihrem diachronen und synchronen Auftreten die Frage nach der Sichtbarkeit, Distribution und Hierarchisierung von Affekten im sozialen Zusammenleben heraus und wirken somit auf unsere Vorstellungen dessen zurück, was zu einem bestimmten historischen Moment als – sei es statische oder dynamische – Relation verstanden werden kann und darf. Ein Schwerpunkt des Dossiers soll demnach die Analyse von Transformationsprozessen affektiver Relationalität, ihrer Geschichtlichkeit und Prozessualität sein. Beziehungen sind ebenso wenig wie Intertextualitäten natürliche oder statische Gegebenheiten, sondern dynamische, kulturell verortete und historisch gewachsene Größen, die durch affektive Akte erst performativ hervorgebracht werden.

Besonders in den romanischen Kulturen lassen sich immer wieder Momente und Phänomene beobachten, die sich affektiv und affizierend über Europa und nach Übersee ausbreiteten: seien es der altokzitanische fin‘amorsoder das bittersüße Affektmodell Petrarcas, die medial ausdifferenzierte und effektvolle Theatralität des spanischen Barock oder die Kultivierung melodramatischer Affekte in der italienischen Oper, das subversive Spiel der Avantgarden mit den Affekten oder die ersten Filmvorführungen vor einem angeblich fliehenden Publikum, das angesichts der perfekten Illusion eines heranfahrenden Zuges in Schock versetzt wurde. Daher bieten sich die Romania und die romanistische Kulturwissenschaft als geeignete Ausgangsorte, von denen aus Affekte und ihre Effekte in ihren diversen Relationen untersucht werden können.